Eine kurze Fahrradtour
Die letzten drei Jahre war ich um diese Zeit auf Fahrradtour. Der Tradition gemäss beginnen wir also mit einem Fahrradbericht.
Nach gescheiterter Wohnungssuche bin ich für den ersten Monat in Le Pré-Saint-Gervais untergekommen, 9 km von der Uni entfernt, die im Stadtzentrum liegt.
Meinen treuen Radesel musste ich in Winterthur zurücklassen, dafür bin ich mit einem durchaus ikonischen 80er-Jahre-Fahrrad am Start, auf Ricardo für 49 Franken ersteigert.
Mein Ziel diesen Donnerstag ist es, von daheim den Weg an die Uni zu finden. Beim ersten Versuch am Vortag war ich im Feierabendverkehr stecken geblieben; diesmal breche ich erst abends auf.
Ein gut ausgebautes Netz von separaten Fahrradwegen erlaubt, entlang der Boulevards grosse Strecken gemütlich zurückzulegen. Es fühlt sich aber sehr “schlauchig” an – sobald man einmal von der vorgegebenen Spur abbiegen will, oder eine grössere Kreuzung überquert, muss man Regeln brechen; jene des Verkehrs und des Anstands: Ich gebe mich als Fussgänger aus, missachte (Fahrrad-)Einbahnstrassen oder schneide anderen den Weg ab.
Mein Schulweg führt grösstenteils entlang des Canal de l’Ourcq, weiter abwärts bekannt als Bassin de la Villette, Canal Saint Martin oder Bassin des Marais. Dessen Ufer bilden ein kilometerlanges Naherholungsgebiet, wo am letzten Sommerabend des Jahres beste Stimmung herrscht. In dieser Stadt kann ich bleiben. Paris präsentiert sich, ähnlich Berlin, als eine aufregende Mischung aus gentrifiziert und versifft.
Auffällig ist der modische Standard. Mit Selbstverständlichkeit trägt man stilvolle Alltagskleidung, unpraktische Designerstücke oder gefälschte Markenklamotten. Auch sonst ist allerlei ikonisches Volk unterwegs. Mein Style scheint genügend angepasst zu sein, um auf Französisch angefaucht zu werden, wenn ich auf dem Bürgersteig fahre.
Je näher ich dem Zentrum komme, desto wusliger wird der Verkehr. Es ist wie Neapel mit Fahrrädern statt Mopeds. Aus allen Richtungen versuchen Radfahrer, einzuspuren. Sicherheitstipp: Schnell fahren, dann kommt zumindest von hinten niemand. Rote Ampeln sind der grösste Witz. Allein an dem Abend überfahre ich mehr als in einem Jahr daheim.
Ich bin bereits stolz auf meinen Orientierungs-Instinkt, als ich es geradlinig ohne Karte nach Sully-Morland geschafft habe. Jetzt nur noch über die Seine, und ich bin beim Campus der Sorbonne. Eine halbe Stunde später muss ich mir eingestehen, vom Weg abgekommen zu sein. Zum Glück finde ich einen Hinweis.
In der riesigen Stadt habe ich 4 Anhaltspunkte:
- Eiffelturm: zu weit westlich
- Sacre Cœur: zu weit nördlich
- Köllner Dom: zu weit östlich
- Bibliothèque nationale François Mitterand: zu weit südlich
Kurz darauf finde ich die Uni doch noch. Das Areal abgeschlossen, hinein komme ich darum erst in einem zukünftigen Post.