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Couscous & Ultraschall

Es ist der letzte Samstag, bevor der Ernst des Lebens wieder zuschlägt. Am Montag geht der eigentliche Unterricht los. Auf einer freien Fläche bei La Villette treffe ich eine Gruppe junger Männer, die im Kreis einen afrikanischen Tanz üben. Musik machen sie mit Trommeln, dem Teller von einem Hi-Hat und zwei Mikrophonen.

Der Parc de la Villette ist heute sehr belebt. Es läuft gerade eine Reihe von Jazzkonzerten, darunter auch kostenlose, die direkt am Canal de l’Ourcq stattfinden. Das möchte ich mir heut Abend nicht entgehen lassen. Doch zunächst gilt es, ein neues Stadtviertel zu erkunden.

Das Rad über die Stufen zu tragen, ist wesentlich schneller, als die Viertelstunde zu warten.

In meinem Zimmer steht eine Reihe französischer Schulbuch-Klassiker, die mich jedoch nicht sehr interessiert. Sehr gelegen kommt daher das Emmaüs-Brockenhaus auf der anderen Flusseite, das Papierziegel zu Brennwert verkauft. Ich frage eine ältere Dame, ob sie mir hier vertretene Autoren empfehlen kann, und in der Tat sucht sie vier vielversprechende Krimis für mich heraus.

Im Restaurant nebenan tüftle ich am Blog. Einsamkeit kommt keine auf, obwohl im Hintergrund eine Playlist aus wehmütigen Chansons läuft. Eine Frau am Tisch nebenan scheint auf einem Zeichenblock andere Gäste im Lokal zu skizzieren.

Der Kellner stattet mich mit ganzen vier grossen Löffeln aus.

Die Konzert-Location ist unmittelbar links neben diesem Bild.

Ab 21 Uhr tritt ein Elektrojazz-Duo am Kanal de l’Ourcq auf. “Trompete & Granularsynthesizer” klingt erst einmal spannend. Das Konzert eröffnet mit elektrischen Klängen ohne Rhythmus, ähnlich dem Intro eines DJ-Sets, so als begänne in der nächsten Sekunde ein mitreissender Beat. Aber der Drop kommt nicht. Stattdessen folgen 10 Minuten von penetrantem Zirpen und schmerzhaften Scheppergeräuschen. Zur Untermalung flimmern Schemen auf einem Schirm, die an Ultraschall-Aufnahmen erinnern. Auch die beiden anderen Stücke haben keinerlei Rhythmus und bewegen sich zwischen Neuer Musik, Mikrofonfeedback und der Tonspur des Brücken-Zeitraffers.

Meine Kollegin Simone würde hier sicher eine tiefere Bedeutung erkennen, für mich handelt es sich aber bloss um die Vertonung der Albträume eines Ungeborenen im Mutterleib, das vor der feindseligen Aussenwelt erschauert; oder es ist eine Protestaktion gegen die Lärmverschmutzung der Meere durch Schiffsschrauben. Ich sinniere über treffende Formulierungen nach, und schätze mich glücklich, dass kein Mitstudent meiner Einladung gefolgt ist. Mit einem zweiten Bier wäre das Konzert vielleicht richtig gut gewesen.

Dein Lautsprecher ist nicht kaputt.

Für den späteren Abend wollen einige andere Erasmus Studenten an eine improvisierte Party gehen, die gemäss Ankündigung an einem geheimen Ort an der Seine stattfinden soll. Natürlich treffen wir uns am falschen Ort und warten zwischen den dortigen Partybooten erstmal eine Dreiviertelstunde, bis alle eingetrudelt sind.

Hong Kong, Hanoi, Quai de la Rapée: Überall läuft die gleiche Musik.

Die Gruppe aus ca. 8 Leuten, die sich letztendlich zusammenfindet, besteht grösstenteils aus Italienern. Folgerichtig spreche ich an dem Abend mehr Italienisch als Französisch. Diese Woche habe ich zwar schon Leute von jedem Kontinent (Kanadier, Brasilianer, Kongolesen, Palästinenser) getroffen, aber erst jetzt jemanden, der in Paris zur Schule gegangen ist. Wir machen uns zum tatsächlichen Ort der Party auf, und es hat sich gelohnt:

Das helle Gebäude im Hintergrund am Ende des Videos ist das Louvre.

Die beiden DJs sind tatsächlich gut, sodass der Dancefloor das eindeutige Highlight des Tages wird; der Smalltalk unter Austauschstudenten dafür weniger. Als ich mich um drei auf den Heimweg mache, ist in Paris nicht weniger Verkehr als tagsüber. Gegen vier Uhr nachts komme ich sicher daheim an.

Davor:
Ein Italiener, ein Deutscher und ein Schweizer