Bohrinseln & Backrooms
An meinem ersten Schultag probiere ich einen neuen Schulweg aus, komme vom Kurs ab, und finde mich auf dem Place de la Concorde wieder. Euphorisch ob der Erkenntnis, dass somit alle Monumente der Innenstadt auf meinem Schulweg liegen können, hetze ich entlang dem Louvre über die Pont Neuf und an Notre Dame vorbei zum Campus Pierre et Marie Curie.
Zum vielleicht letzten Mal im Leben bin ich wieder Schlumpf an einer neuen Uni. Das Semester beginnt gemächlich, mit einer Woche voller Einführungsveranstaltungen, Admin und Wiederholungskursen.
In der Infoveranstaltung für die neuen Studenten fällt auf, dass die Sorbonne eine Vorliebe für dicht gepackte, 90-minütige Vorlesungen ohne Unterbruch hat – sei es bei der Einführungspräsentation, dem Wiederholungskurs zum Lagrange-Formalismus oder meinem geplanten Stundenplan.
Natürlich ist das Hauptziel nach der Präsentation, sich mit anderen Studenten anzufreunden. Aber wie soll ich die ansprechen? Die meisten sind bereits in einer Gruppe, wo ich mich nicht einfach so einklinken kann. Oder sie sind alleine, aber denen würde ich schaden, wenn ich sie ein halbes Jahr absorbiere und dann genau so allein zurücklasse. Die Lösung ist gefunden, als ich nach der Präsentation bei der Wandtafel die anderen Austauschstudenten finde. Wir setzen uns ins nächste Kaffee, und tauschen uns über Herkunft und Pläne aus.
Da von offizieller Seite nichts mehr geplant ist, haben wir den Nachmittag haben wir Zeit, den Campus Zu erkunden. Dieser hat ein eigenwilliges Design:
Ein Raster von runden Türmen den Campus auf. Jeder Turm hat ein Treppenhaus, einen Lift und Klos. Gebäudetrakte identifiziert man über die beiden Türme, die sie verbinden. Da im Inneren viele Flure zu abgeschlossenen Labors gehören, bewegt man sich immer über die Aussenbereiche und orientiert sich an den Zahlen, was den Effekt hat, dass jedes Gebäude zu jeder Fakultät gehören könnte. Somit erscheint die Uni zweigeteilt: Drinnen die privaten Räume, draussen die weitläufigen Plattformen, wo man am Tageslicht ist, es aber kaum Orte zum Verweilen gibt.
Im Maison de la Vie Étudiante spielen wir Tischkicker. Es gibt einen Brettspielschrank, Pianos, Sofas und allerhand Leute. Für 20’000 Studenten erscheint das Gebäude aber seltsam überschaubar. Weil die Mensen noch geschlossen zu haben scheinen, suchen wir ausserhalb des Campus etwas zu essen. Die Eingänge sind bewacht, und theoretisch werden Taschen durchsucht. Praktisch prüfen die Wachleute jedoch nur, ob man bereit wäre, sie zu öffnen, oder fuchteln mit einem ausgeschalteten Metalldetektor herum.
Nach dem Essen finden wir in der Mitte des Geländes das Atrium, benannt nach dem Innenhof der klassischen römischen Villa. Eine ältere Studentin gibt uns hier Auskunft über die versteckten Aufenthaltsräume, Bibliotheken und Cafeterien auf dem Campus. Neben dem knalligen Treppenhaus gibt es hier Praktikumsräume und ein Café.
Das ABC-Gebäude.
Auf der Suche nach den Sporthallen verirren wir uns im ABC-Gebäude. Obwohl jedes Stockwerk nur einen einzigen Gang hat und Tageslicht hereinkommt, könnte man hier drin Horrorfilme drehen. Wir begegnen keiner Menschenseele, aber hinter den Türen hört man Stimmen. Beschriftungen zufolge forscht man hier an Neurophysiologie. Und alle Ausgänge sind verriegelt.
70er-Jahre Krankenhaus-Ästhetik.
Wir entdecken noch die Geologie-Bibliothek, wo ein Schweigen herrscht, wie es nur Steine beherrschen können; einen riesigen Aufenthaltsraum, in dem niemand ist; eine 8-stöckiges Wendeltreppe und den Hinterausgang. Viel Leute sind in dieser Vor-Rentrée-Woche noch nicht unterwegs. Auch die akademische Herausforderung lässt noch auf sich warten.