Gegenwind
Das Wallis ist berüchtigt für seinen fiesen Wind, der jeden Nachmittag talaufwärts fegt. Dagegen anzustrampeln fühlt sich gleich an wie eine Passstrasse. Da kommt es wie gerufen, dass ich vom Campingplatz, auf dem ich zuletzt übernachtet habe, einen Eintritt fürs Thermalbad Saillon bekommen habe, wo ich den halben Nachmittag aussitze.
Abends erreiche ich das Dörfchen Saint-Maurice, benannt nach der dortigen Abtei, wo Reliquien des gleichnamigen Märtyrers aufbewahrt werden. Weil der hl. Mauritius kein No-Name unter den Heiligen ist und die Abtei auf der Karte und im Reiseführer irgendwie wichtig aussieht, möchte ich kurz in die zugehörige Kirche hineinschauen. Nun kann ich ein Gotteshaus nicht in Badehose und Fahrradtrikot betreten. Um der Heiligkeit des Ortes so gut es geht Rechnung zu tragen, ziehe ich kurz das lila Hemd und meine beste Trainerhose drüber. Kaum habe ich mich in der Basilika etwas umgesehen, erklingt eine Glocke und acht Augustinermönche treten ein. Gemeinsam mit zwei Gläubigen aus dem Ort feiern wir die Abendmesse. Einer der Mönche hat mir ein Gesangbuch verteilt, mithilfe dessen ich dem feierlichen Gesang auf Französisch zu folgen versuche. Später werde ich lesen, dass das Kloster von Saint-Maurice das älteste noch bewohnte des Abendlands ist. 1
Der Wind hat sich gelegt. Ab hier folgt der geteerte Radweg immer dem Fluss talab und versöhnt mich wieder mit dem Wallis. Zum Rauschen des Flusses, dem Zirpen der Grillen und fetziger Musik reite ich auf meinem treuen Radesel in den Sonnenuntergang, neuen Abenteuern entgegen.
Fussnoten
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Älter ist nur noch das Katharinenkloster auf dem Sinai.
Lesenswerter Artikel zum Kloster Saint‑Maurice: https://www.deutschlandfunk.de/aelteste-abtei-des-abendlandes-das-wunder-von-saint-maurice-100.html ↩