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Am Strom & ins Feld

Die Rhone hat sich mittlerweile vom Bergbach zu einem sehr, sehr träge fliessenden Strom gewandelt. In diesem Flussabschnitt ist sie von Auenwäldern umgeben, durch die ein gemütlicher Radweg führt. Weil ich das Wochenende mit Nationalfeiertag gern in Lyon verbringen würde, gibt es vorerst keine Seitenabstecher mehr. Tagesziel ist der letzte Campingplatz 30 km vor der Stadt, eine Strecke von etwas mehr als 100 km. Auf dem Foto habe ich bereits 17 km geschafft, und durch eine Abkürzung gewinne ich 25 km. Dazu muss ich den Fluss leider verlassen und einen Weg kreuz und quer über die Dörfer nehmen. Auf halber Strecke mache ich Halt in einem Wäldchen und bleibe dort 2 Stunden. Als ich mich schliesslich zur Weiterfahrt aufraffe, fällt mir 30 Meter hinter dem letzten Baum der Himmel auf den Kopf. Innerhalb einer Minute bin ich völlig durchnässt. Obwohl ich nichts Gescheites zum Mittag hatte und es in Strömen regnet, lasse ich drei Lebensmittelgeschäfte links liegen, denn der Ehrgeiz, die Tagesetappe zu schaffen, ist zurück. Kapuze drüber. Lautstärke hoch. Rein in die Pedale. Zu einem 3h-Techno-Set aus der Lärmbox vorne links geht es gleich viel besser voran. Der Regen hört bald wieder auf. Wegen weiterer Trödeleien verpasse ich es fast, noch rechtzeitig ein Abendessen einzukaufen. Nach 8 km Sprint stürme ich 10 Minuten vor Ladenschluss heisshungrig in einen Supermarkt und tätige einen Familieneinkauf. Als ich den Laden verlasse, kann ich mein Gepäck gerade noch notdürftig zudecken, bevor der Regenguss kommt. Ein ordentliches Abendessen gibt es nicht, denn ich habe kein Gas mehr und kann somit nicht kochen. Stattdessen mische ich ein halbes Glas Marmelade unter ein Kilo Joghurt und verspeise das Meiste davon noch auf dem Parkplatz. Nach Sonnenuntergang komme ich wieder an den Fluss. Dort begrüssen mich die vier Kühltürme des Atomkraftwerks Bugey, das unter Volllast den halben Stromverbrauch der Schweiz decken kann. Selber habe ich gerade andere Sorgen, denn mein Handyakku geht zur Neige. Bis morgen wird es die Powerbank richten. Kurz vor Mitternacht erreiche ich nach 109 km Fahrt den Campingplatz. Dort erwartet mich eine böse Überraschung: Der Eingang ist zugesperrt, und der Sicherheitsbre lässt mich auch nach zehnminütiger Diskussion nicht rein. Das hier sei kein Campingplatz, sondern eine Siedlung von Bungalows. Ich könne morgen ab 9 Uhr kommen, um eines zu mieten, Mindestaufenthalt eine Woche. Aus dem Tor kommen immer wieder Leute heraus. Ein angetrunkener Typ bietet mir an, mich nach Lyon zu fahren, damit ich in seiner Wohnung übernachten kann. Das Angebot klingt sehr verdächtig und deshalb bin ich erleichtert, dass er nicht wieder auftaucht, als er sein Auto holen will. Damit abfinden, nochmal weiterzufahren, möchte ich mich aber auch nicht, und so albere ich eine halbe Stunde mit einer Gruppe Kinder vor dem Tor herum, bis ich mich der Realität stelle und wieder aufbreche. Gesucht ist ein 2x2 Meter grosses Stück Gras für das Zelt, wo ich bis morgen 11 Uhr nicht gestört werde.


Wenn von einer abgelegenen Landstrasse ein Feldweg abzweigt, von dem noch ein Feldweg abzweigt, von dem ein Graspfad in den Wald führt, hat der Buschpilot1 sein Zuhause gefunden. Um 1 Uhr nachts mache ich mich auf die Suche nach einem solchen Ort. Unverhofft bekomme ich dabei Hilfe von einem erfahrenen Buschpiloten, der von daheim aus Satellitenbilder der Gegend nach geeigneten Schlafplätzen prüft und emotionalen Beistand leistet. Bei 45.77669° N, 5.08906° E scheint der perfekte Ort zu liegen: Gleich zwei in den Wald führende, traktorfahrbare Sackgassen! Vor Ort dann die Enttäuschung: Den westlichen Weg blockiert ein abgeschlossenes Gatter wirksam, und obendrein wird es von einer gigantischen Spinne bewacht (sichtbar auf dem Foto). Der östliche mündet in einem Tümpel, den die Entengrütze sehr gut tarnt. Ich stapfe voll rein, was noch ein böses Nachspiel haben wird. Nach dieser Buschpilotenfalle habe ich 200 m weiter südlich mehr Glück. Das Aufstellen des Zelts, das von gestern noch nass ist, wird von den Dornbüschen leicht verzögert, aber um 3:30 kann ich endlich schlafen gehen.


Fussnoten

  1. Wildcamper ↩